8.10.2013: Forschung international

Gestaltender Naturschutz als letzte Chance

Une conservation de la nature "mise en scène" comme dernière chance



C. Kueffer und C. Kaiser-Bunbury

Wie lässt sich Artenvielfalt in einer Welt erhalten, in der traditionelle Ökosysteme immer mehr von «menschengemachter Natur» verdrängt werden? Der Rückgang der Biodiversität ist so dramatisch, dass in Sachen Naturschutz dringend umgedacht werden muss, glauben zwei Wissenschaftler aus Deutschland und der Schweiz. Zusammen haben sie ein neues Naturschutzkonzept entwickelt.

Comment peut-on conserver la biodiversité dans un monde dans lequel les écosystèmes traditionnels sont toujours plus évincés par la «nature faite par l’homme»? Selon deux scientifiques d’Allemagne et de Suisse, le recul de la biodiversité est si dramatique qu’il est urgent de changer d’orientation. Ensemble, ils ont développé un nouveau concept de protection de la nature.


In einer Welt, in welcher der Mensch durch sein Wirken Veränderungen bis in den letzten Winkel des Planeten bewirkt, kann der Begriff Ökosystem kein Synonym mehr sein für unberührte Natur. Der einzige Ausweg ist die Aufhebung des Gegensatzes von Ökosystem und Kulturlandschaft, weshalb vor wenigen Jahren der Begriff «neue Ökosysteme» geprägt wurde. Er beschreibt gestörte Ökosysteme, die durch menschliches Einwirken bereits deutlich in ihrer Artzusammensetzung verändert wurden. Diese Aufsplittung der Ökosysteme in historische und neue Habitate muss in ein neues Naturschutzkonzept übertragen werden. Insbesondere in den USA oder auch Afrika, wo noch weitläufige Naturparks erhalten sind, fürchten aber Kritiker, dass das neue Konzept den Schutz ursprünglicher Natur etwa durch Kürzung von Finanzmitteln schwächen könnte. Die Biologen propagieren jedoch einen kombinierten Ansatz: Nicht nur die «historische» Natur ist schützenswert, sondern auch gestaltete Produktionslandschaften. In ihrem Konzept führen sie Strategien zusammen, die bislang als inkompatibel galten. Dazu schlagen sie vor: historische Biodiversität zu schützen; neue Ökosysteme aktiv zu schaffen; neuen Habitate als natürliche, wilde Landschaften zu akzeptieren und zur Arterhaltung zu nutzen; und Agrar- und andere Kulturlandschaften zur Erhaltung von Biodiversität umzufunktionieren unter Beibehaltung des Landschaftsnutzens. Selbst ökologisch «wertlose» Agrarlandschaften gehören auf die Agenda. 


Landschaftlich heterogene Inseln wie Galapagos, Hawaii, Fidschi oder die Seychellen sind Beispiele dafür, dass ein solches integriertes Konzept funktioniert, so die Studie. Sie sind quasi ein Versuch in kleinem Maßstab. Auf den Seychellen beispielsweise umfassen kombinierte Naturschutzmaßnahmen nicht nur den nur noch in wenigen Bergregionen erhaltenen ursprünglichen Nebelwald, sondern auch aufgegebene Zimtholzplantagen und urbane Nutzungsräume wie Gärten. Die Erfolge sind nicht zu übersehen: bedrohte Arten konnten sich in ihrem Bestand erholen und die Biodiversität entsprechend stabilisiert werden.


Quelle: Technische Universität Darmstadt


Keywords:
Naturschutzkonzept, neue Ökosysteme, Kulturlandschaft

Art der Publikation:
Fachpublikation

Literatur:
Kueffer C., Kaiser-Bunbury C. (2014). Reconciling conflicting perspectives for biodiversity conservation in the Anthropocene. Frontiers in Ecology and the Environment, in press

Kontaktadresse:
Christoph Küffer
Institut für integrative Biologie
ETH Zürich
CH-8092 Zürich

christoph.kueffer@env.ethz.ch
Tel: +41 (0)44 632 43 08


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