28.9.2007: Forschung CH

Gefährdete Tierarten besser erfassen




Michael Schaub et al.

Wissenschaftler aus der Schweiz haben eine Methode entwickelt, mit der die Populationsgrösse von seltenen Tierarten genau ermittelt werden kann. Das Verfahren wurde anhand einer gefährdeten Fledermausart in der Schweiz getestet.


Will man seltene und gefährdete Arten untersuchen, so bleibt die Stichprobe meist klein, und der daraus abgeleitete Erkenntnisgewinn ist gering. Damit wird es schwierig, effiziente Massnahmen zu ihrem Schutz zu ergreifen. Nun ist es einem Forscherteam der Universität Bern gelungen, eine Methode zu entwickeln, die fragmentarisch vorhandene Daten zusammenführt und nutzt. Die Methode wurde an Daten zu einer seltenen Fledermausart, der Grossen Hufeisennase, getestet.
Die Grosse Hufeisennase ist eine der seltensten Säugetierarten der Schweiz. Über die Ursachen des Rückgangs ist wenig bekannt. Aber gerade Kenntnisse über Bestandesveränderungen und deren Ursachen, sowie das Abschätzen des Aussterberisikos sind für wirksame Schutzmassnahmen von grosser Bedeutung. Mittels eines neu entwickelten integrierten Populationsmodells haben die Wissenschaftler Licht ins Dunkel der Populationsdynamik dieser Fledermäuse gebracht. Dieses Verfahren kombiniert alle verfügbaren Informationen über die Population – Zählungen in «Wochenstuben», Anzahl geborener Junge, Wiederfänge von markierten Individuen – in einem Modell und kann deshalb Überlebensraten, Fortpflanzungserfolg und eine verlässliche Wachstumsrate der Population schätzen.
Es zeigte sich, dass die Grossen Hufeisennasen extrem langlebig sind. Wie die meisten anderen Fledermausarten haben Grosse Hufeisennasen ein Junges pro Jahr, doch setzen sie in einem von vier Jahren mit der Reproduktion aus. Die Population in Vex nahm durchschnittlich um 4% pro Jahr zu. Hätte man die Wachstumsrate aus den Wochenstubenzählungen ermittelt, so wäre sie überschätzt worden (6%).
Diese Auswertungen zeigen, dass es der Population der Grossen Hufeisennasen in Vex zurzeit gut geht. Günstig auf die Populationsentwicklung könnte sich die Renovation der Kirche, die als Wochenstube dient, ausgewirkt haben. Dabei wurde ein Teil des Dachstockes speziell für die Grossen Hufeisennasen eingerichtet, so dass die Fortpflanzung störungsarm und bei besten klimatischen Verhältnissen erfolgen kann. Dank der demographischen Angaben wisse man nun, dass die Wachstumsrate der Population sehr empfindlich auf Änderungen der Überlebensraten reagiere, erklären die Wissenschaftler. Die Forscher vermuten, dass der starke Rückgang ab Mitte des letzten Jahrhunderts durch einen vergleichsweise geringen Anstieg der Mortalität, etwa durch die Anwendung von Pestiziden verursacht gewesen sein könnte.
Die Wissenschaftler sind von der Wirksamkeit der Methode überzeugt: Sie sei sehr viel versprechend, um vertiefte Kenntnisse über bedrohte Arten zu gewinnen und um sie letztlich effizienter schützen zu können.

Keywords:
Fledermaus, Populationsmodell, Pestizide, Überlebensrate

Art der Publikation:
Fachpublikation

Literatur:
Schaub M., Gimenez O., Sierro A., Arlettaz R. (2007). Use of integrated modelling to enhance estimates of population dynamics obtained from limited data. Conservation Biology 21, 945-955.

Kontaktadresse:
Dr. Michael Schaub
Abteilung Conservation Biology
Universität Bern
Erlachstrasse 9a
CH-3012 Bern

michael.schaub@nat.unibe.ch
Tel: +41 (0)31 631 31 64


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