17.12.2025: Forschung international

Forschende fordern mehr Fokus auf genetische Vielfalt

Appel des chercheuses et chercheurs à accorder davantage d’attention à la diversité génétique



David O'Brien et al.

Die genetische Vielfalt – die Diversität innerhalb von Arten – ist eine entscheidende, jedoch oftmals unterschätzte Grundlage für den Schutz der biologischen Vielfalt. Forschende betonen einmal mehr die zentrale Rolle genetischer Diversität für eine «naturpositive»-Zukunft. Darunter versteht man einen Zustand, in dem Naturverluste nicht nur gestoppt, sondern auch rückgängig gemacht werden.

La diversité génétique, à savoir la diversité au sein des espèces, est un élément déterminant, mais souvent sous-estimé, de la protection de la diversité biologique. Une fois de plus, les chercheuses et chercheurs soulignent le rôle essentiel de la diversité génétique pour une avenir « positif pour la nature ». On entend par là un état dans lequel la perte de nature est non seulement stoppée, mais aussi inversée.


Für einen Meinungsbeitrag haben Forschende die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Rolle der genetischen Vielfalt für das Erreichen lokaler und globaler Naturschutzziele zusammengetragen und analysiert. Viele Populationen zeigen eine höhere Toleranz gegenüber Umweltveränderungen, wenn sie genetisch vielfältig sind. Die genetische Vielfalt ist die Grundlage zur Anpassung – sei es an Krankheiten, den Klimawandel oder andere Umweltveränderungen, und sichert somit das langfristige Überleben von Arten – und somit auch die Stabilität ganzer Ökosysteme.
Trotz ihrer fundamentalen Bedeutung wird die genetische Vielfalt bislang in politischen Konzepten, Umweltberichten und wirtschaftlichen Massnahmen oft vernachlässigt. Neben der Arten- und Ökosystemvielfalt ist sie die dritte und ebenso wichtige Komponente der Biodiversität. Mit der fortschreitenden Entwicklung von genetischen und genomischen Analysemethoden ist es heute möglich, genetische Vielfalt kostengünstig und grossflächig zu erfassen – auch mithilfe sogenannter Proxydaten, also Daten, die nur indirekt gemessen werden können.
Der 2022 auf der UN-Biodiversitätskonferenz beschlossene internationale «Kunming-Montreal-Vertrag» besagt, dass bis 2030 messbare Verbesserungen im Zustand von Arten, Ökosystemen und natürlichen Prozessen erreicht werden müssen – mit dem Fernziel einer Erholung bis 2050. Der dort festgehaltene «naturpositive» Ansatz hat das Ziel, den Verlust der Natur nicht nur zu stoppen, sondern umzukehren und die biologische Vielfalt wenn immer möglich aktiv wiederherzustellen. Dieses Ziel, wie es auch die Weltnaturschutzunion IUCN definiert, geht über reinen Schutz hinaus und setzt auf die regenerative Stärkung natürlicher Systeme, um ihre Integrität, Vielfalt und Anpassungsfähigkeit langfristig zu sichern. Die Forschenden weisen ausdrücklich darauf hin, dass dabei die genetische Vielfalt berücksichtigt werden muss, wenn diese Ziele erreicht werden sollen. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen diesen essenziellen Baustein ernst nehmen und die genetische Diversität in ihren Handlungsrahmen verankern.

Quelle: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

Keywords:
Genetische Vielfalt, Anpassung, Resilienz, naturpositiv

Art der Publikation:
Fachpublikation

Literatur:
O'Brien D., Bader E., Hall J., ... & Leigh D. M. (2025). Genetic diversity is key to a nature‐positive future. People and Nature, 7(11), 2578-2584.


Link zur Studie (freier Zugang)

Kontaktadresse:
Deborah M. Leigh
Goethe Universität
Institut für Ökologie, Evolution und Diversität
Campus Riedberg
Max-von-Laue-Straße 9
D-60438 Frankfurt am Main
Deutschland
deborah.leigh@senckenberg.de


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