20.6.2023: Forschung international

Europas Vogelbestand im Sinkflug

Les populations d’oiseaux en chute libre en Europe



Stanislas Rigal et al.

Der Bestand von häufigen Vogelarten in Europa hat in den letzten vier Jahrzehnten um ein Viertel abgenommen. Besonders betroffen sind Arten, die auf eine biodiversitätsfreundliche Landwirtschaft angewiesen sind. Abgenommen haben aber auch stadtbewohnende, kälteangepasste sowie Waldvogelarten.

En Europe, les populations des espèces communes d’oiseaux ont diminué d’un quart au cours des quatre dernières décennies. Les espèces qui dépendent d’une agriculture respectueuse de la biodiversité sont particulièrement touchées. Les espèces d’oiseaux des agglomérations, des forêts et adaptées au froid, ont également diminué.


Über 50 Forschende haben Daten aus den wichtigsten Monitoringprogrammen Europas zusammengeführt und ausgewertet. In die Untersuchung flossen systematische Zählungen auf mehr als 20 000 Probeflächen ein. Auf dieser Basis ermittelten sie die Bestandsentwicklung von 170 häufigen Vogelarten in 28 europäischen Ländern von 1980 bis 2016. Parallel dazu analysierten sie, wie sich die vier grossen bekannten Stressfaktoren auf Vogelpopulationen in allen 28 Ländern – darunter auch die Schweiz – über diesen Zeitraum verändert haben.
Die Ergebnisse bestätigen nicht nur die allgegenwärtigen und starken Auswirkungen des anthropogenen Drucks auf häufige Brutvögel, sondern beziffern auch die relative Stärke dieser Auswirkungen. Die Analyse unterstreicht die dringende Notwendigkeit, die Landnutzung in den europäischen Ländern grundlegend zu ändern, wenn die Vogelpopulationen eine Chance auf Erholung haben sollen.
Die Zeitreihen zeigen einen allgemeinen Bestandsrückgang zwischen 1980 und 2016 um -25 %. Dieser Rückgang ist nicht gleichmässig auf die verschiedenen Artengruppen verteilt. Die Bestände von Vogelarten des Landwirtschaftsgebietes sind stärker betroffen (-57 %) als jene anderer Vogelgruppen wie Stadtbewohner (-28 %) oder Waldvögel (-18 %).
Zwischen den Ländern bestehen erhebliche Unterschiede in Bezug auf den Einfluss der Treiber, die für die Veränderungen der Vogelbestände verantwortlich sind. Die Intensivierung der Landwirtschaft und die Verstädterung sind beispielsweise in den westeuropäischen Ländern stärker ausgeprägt als in den osteuropäischen Staaten.
Die Forschenden haben die spezifischen ökologischen Merkmale analysiert, die jene Arten auszeichnet, die von den Belastungen besonders betroffen sind. Der Einfluss von landwirtschaftlichen Flächen, die hohe Produktionsmittelinputs wie Dünger und Pflanzenschutzmittel erhalten, ist nicht nur für die Arten des Landwirtschaftsgebietes negativ, sondern auch für Arten, die sich während der Brutzeit zumindest teilweise von Wirbellosen ernähren. Der Anteil Waldbedeckung wirkte sich positiv auf die Langstreckenzieher aus. Die Verstädterung wirkte sich negativ aus auf Arten des Landwirtschaftslands, körnerfressende Arten und Arten, die sich von Wirbellosen ernähren. Der Einfluss der Temperatur war überwiegend positiv für wärmeliebende Arten, Stadtbewohner, Waldarten und Spezialisten, aber hauptsächlich negativ für Arten kühlerer Zonen, Langstreckenzieher, Arten des Landwirtschaftsgebietes, Generalisten und Arten mit wirbelloser oder körnerbasierter Nahrung.

Quelle: PNAS und Spektrum.de


Keywords:
Vögel, Monitoring, Landwirtschaft

Art der Publikation:
Fachpublikation

Literatur:
Stanislas R. et al. (2023): Farmland practices are driving bird population decline across Europe. PNAS 120 (21) e2216573120

Link zur Studie (freier Zugang)

Kontaktadresse:
Hans Schmid
Schweizerische Vogelwarte Sempach
CH-6204 Sempach

Hans.schmid@vogelwarte.ch


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