23.3.2022: Forschung international
Jeder fünfte Fisch stirbt bei der Passage von Wasserkraftturbinen
Un poisson sur cinq meurt lors du passage dans turbines hydroélectriques
Johannes Radinger, Ruben van Treeck, Christian Wolter
Fische können bei der Passage durch Wasserkraftturbinen schwer verletzt werden, jeder fünfte Fisch wird gar getötet. In der Summe über mehrere Anlagen kann dies für gewisse Fischpopulationen verheerend sein. Zwischen den verschiedenen Turbinentypen gibt es allerdings grosse Unterschiede bei der Fischmortalität.
Les poissons peuvent se blesser gravement quand ils passent des turbines hydroélectriques, et même un poisson sur cinq en meurt. Cela peut être dévastateur pour certaines populations de poissons lorsqu’il faut franchir plusieurs installations à la suite. Concernant la mortalité, il existe cependant de grandes différences entre les divers types de turbines.
Um abzuschätzen, wie viele Fische bei der Passage durch Wasserkraftturbinen tödlich verletzt werden und welche Unterschiede es zwischen Fischarten und Turbinentypen gibt, erstellten und analysierten Forschende einen Datensatz mit mehr als 275‘000 einzelnen Fischen aus 75 Arten. Die Daten stammen von Versuchen an 122 Wasserkraftanlagen unterschiedlicher Grösse in 15 Ländern, vorwiegend in Europa und Nordamerika.
Besonders gefährdet sind Fischarten mit ausgeprägtem Wanderverhalten wie Lachse, Störe oder Aale, die im Laufe ihres Lebenszyklus zwischen Flüssen und Meer hin- und herwandern und dabei Turbinen passieren müssen. Betroffen sind aber auch Populationen sogenannter potamodromer Fische – also Flussfischarten, die über längere Distanzen innerhalb der Flusssysteme wandern (z.B. Barbe oder Nase). Für Populationen von wandernden Arten sind vor allem die summierten Auswirkungen mehrerer Wasserkraftanlagen problematisch.
Das Ergebnis ist bedenklich: Im Mittel erleidet jeder fünfte Fisch (22,3 Prozent) beim Passieren einer Wasserkraftturbine tödliche Verletzungen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fisch beim Turbinendurchgang geschädigt wird, hängt unter anderem von seiner Grösse, der Art, dem Lebensstadium und anderen biologischen Merkmalen ab. Je grösser der Fisch, desto höher ist in der Regel sein Sterberisiko. Doch auch der Turbinentyp ist entscheidend: Langsam drehende Turbinen mit geringer Fallhöhe (Very-Lowhead-Turbinen und Wasserräder) sind im Vergleich zu den meisten konventionellen Turbinenarten weniger schädlich. Doch selbst bei konventionellen Turbinentypen zeigt die Analyse eine grosse Variabilität von Sterblichkeitsraten – ein eher unerwartetes Resultat. Es scheint also auch bei konventionellen Turbinen möglich, mit technischen und betrieblichen Anpassungen die Fischsterblichkeit zu reduzieren. Idealerweise werden die Tiere in Kombination mit funktionierenden und modernen Fischauf- und Fischabstiegshilfen daran gehindert, überhaupt erst in die Turbinen zu gelangen.
Mit einer weltweiten Einführung eines Mindeststandards für den Fischschutz liesse sich der Ausbau der Wasserkraft mit dem Schutz der biologischen Vielfalt und der ökologischen Verbesserung von Flussökosystemen in Einklang bringen. Das Autorenteam weist allerdings darauf hin, dass auch ausgesprochen fischschonende Anlagen negative Auswirkungen auf ganze Flussökosysteme haben, u.a. durch die Verhinderung des Sedimenttransports oder Eingriffe in das natürliche Abflussregime.
Quelle: vbio.de
Keywords:
Fische, Wasserkraft, Turbinen
Art der Publikation:
Fachpublikation
Literatur:
Radinger J., van Treeck R., Wolter C. (2021): Evident but context‐dependent mortality of fish passing hydroelectric turbines. Conservation Biology. DOI: 10.1111/cobi.13870
Link zur Studie (freier Zugang)
Kontaktadresse:
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei
Johannes Radinger
Müggelseedamm 310
D-12587 Berlin
jradinger@igb-berlin.de
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