Rapport annuel 2024 pour

NC IUHPST: National Committee of the International Union of History and Philosophy of Science and Technology


Président/Présidente: Erwin Neuenschwander

De: Erwin Neuenschwander, neuenschwander@math.uzh.ch

Zusammenfassung


Vertretung an der 2nd Conference of the International Academy of the History of Science in Athen und an der Eleventh Conference of the European Society for the History of Science (ESHS) in Barcelona. Rückblick auf 40 Jahre Tätigkeit an der SCNAT.



Publikationen


- Zur Historiographie der Mathematik in der Schweiz, Archives Internationales d'Histoire des Sciences, 49 (1999), 369-399.

- Herausgabe von: XIIIth DHS-DLMPS Joint Conference. Scientific Models: Their Historical and Philosophical Relevance. 19-22 October 2000, Zurich (Switzerland). Book of Abstracts. A conference organised on behalf of the Joint DHS-DLMPS Commission of the International Union of the History and Philosophy of Science. Geschichte der Naturwissenschaften, MN-Fakultät, Universität Zürich, 2000. 147 S. 

- 100 Jahre Schweizerische Mathematische Gesellschaft. In: B. Colbois, Ch. Riedtmann und V. Schroeder (Eds.), math.ch/100. Schweizerische Mathematische Gesellschaft, Société Mathématique Suisse, Swiss Mathematical Society, 1910-2010. European Mathematical Society 2010, 23-105.

- Establishing the 'Historical Dictionary of Switzerland': an authoritative new source for the historiography of science in Switzerland, Circumscribere, 21 (2018), 96-117.



Internationale Aktivitäten


Die zweite Konferenz der International Academy of the History of Science (IAHS) fand vom 12.-15. September 2023 in Athen statt und war dem Rahmenthema "Scientific practices and human values – A historical approach" gewidmet (https://ciahs.hpdst.gr/). Sie setzte damit die 2019 in Athen wiederbelebte Tradition der IAHS fort, Spezialisten auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte alle vier Jahre in einem Geist der Kollegialität in einer internationalen Konferenz zu vereinen. Den etwa 200 Teilnehmern stand wiederum ein breitgefächertes Programm aus allen Fachbereichen der Wissenschaftsgeschichte zur Verfügung. Diskutiert wurden neben mehr fachspezifischen Themen vor allem Fragen der ethischen und sozialen Verantwortung des Wissenschaftlers in seiner Forschungspraxis und deren Anwendungen. Das Rahmenthema wurde unterlegt durch die abschliessende Vorführung des beeindruckenden Dokumentarfilms „In the Image of Human“, der die neuesten Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz und die Diskussionen darüber in der orthodoxen Christenheit thematisierte. Im Rahmen der Konferenz fand auch die Mitgliederversammlung der IAHS statt. Zentrales Thema war die Ueberarbeitung der Statuten der IAHS, wozu drei Expertenkommissionen eingesetzt wurden, in denen auch der Unterzeichnete mitwirkte. Zudem wurde beschlossen, eine Auswahl der Konferenzbeiträge in einem Sammelband in den von der IAHS herausgegebenen Archives Internationales d'Histoire des Sciences zu publizieren anlässlich des 100jährigen Jubiläums der Akademie im Jahr 2027.

Die elfte Konferenz der European Society for the History of Science (ESHS) fand vom 4.-7. September 2024 auf dem Campus de la Ciutadella der Pompeu Fabra Universität in Barcelona  statt. Rahmenthema war diesmal "Science, Technology, Humanity, and the Earth" (https://eventum.upf.edu/94068/detail/science-technology-humanity-and-the-earth-11th-eshs-conference-4-7-september-2024.html). Den über 500 Teilnehmern aus rund 40 Ländern stand ein äusserst reichhaltiges Vortragsprogramm zur Auswahl.  Neben den zahlreichen Symposia und Sektionsvorträgen gab es diesmal auch 5 Plenary Lectures, nämlich drei Early Career Lectures (Jenny Bulstrode vom University College London, Beatrice Falcucci von der Pompeu Fabra University und Santiago Gorostiza von der Universitat Autònoma de Barcelona), die Presidential Lecture von Simone Turchetti (Manchester) und der Gustav Neuenschwander Prize Vortrag von Karine Chemla (CNRS, Paris). Daneben fand auch die Mitgliederversammlung der ESHS statt mit den Berichten der Vorstandsmitglieder und den Wahlen. Als neue President Elect wurde Kärin Nickelsen von der Universität München gewählt.

Da das NC IUHPST mit diesem Jahr gemäss dem Beschluss der SCNAT aufgelöst und in eine Kontaktstelle bei der SGLPW umgewandelt wird, mag es angebracht erscheinen, hier kurz auf meinen über 40 Jahre dauernden Einsatz für das NC IUHPST zurückzublicken. Wichtigste Aufgabe war sicher die Vertretung der Schweiz in den beiden Schwesterdivisionen DHST und DLMPST der IUHPST. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Vertretung am 16. DHST-Kongress in Bukarest (1981), den ich noch unter der Präsidentschaft von Henri Lauener besuchte. Auf dem 17. DHST-Kongress in Edinburgh (1985) wurde ich von Viktor Gorgé angefragt, ob ich nicht offiziell die Vertretung an diesen Kongressen übernehmen wolle. Beim nächsten Kongress in Hamburg (1989) unterzeichnete ich den Jahresbericht bereits als Präsident des NC IUHPST. Seither vertrat ich die SANW/SCNAT an allen nachfolgenden DHST-Kongressen: Zaragoza (1993), Liège (1997), Mexiko (2003), Beijing (2005), Budapest (2009), Manchester (2013), Rio de Janeiro (2017) und Prag (2021) und berichtete regelmässig und ausführlich über die Unternehmungen des NC IUHPST, bis die Publikation der Jahresberichte 1998 eingestellt wurde. Am Kongress in Liège (1997) trat ich in engeren Kontakt zu dessen Organisator Robert Halleux, wobei wir zusammen mit der DLMPS ein Memorandum über die Zusammenarbeit der beiden Schwesterdivisionen erarbeiteten. Hierzu reiste ich im November 1998 an die DHS-DLMPS Joint Conference in Pittsburgh (USA) und wurde in der Folge Präsident bzw. Co-Präsident der DHS-DLMPS Joint Commission, besuchte mehrere Kongresse der DLMPS, z.B. Florenz (1995), Krakau (1999) und Oviedo 2003, und organisierte dort Symposia der Joint Commission sowie 2000 eine Joint Conference in Zürich (vgl. hierzu https://iuhpst.org/pages/inter-division-commissions/joint-commission/a-brief-history.php). Ab 2011 übernahm Thomas Studer von der SGLPW die Vertretung an den DLMPS Kongressen.

Durch meine Beziehung zu Robert Halleux kam ich auch in engeren Kontakt zur International Academy for History of Science (IAHS) und wurde als wissenschaftlicher Berater zu mehreren Council-Sitzungen der IAHS eingeladen. 2017 erfolgte meine Ernennung zum Mitherausgeber der Schriftenreihe "De Diversis Artibus" der IAHS, wobei ich in dieser Funktion mehrere Werke betreute. Im Juni 1998 fand in Strassburg eine Konferenz der ALLEA (All European Academies) statt, in der die trotz vielfacher Anstrengungen noch immer höchst unbefriedigende, institutionelle Situation von Wissenschafts- und Technikgeschichte in Europa beklagt wurde (vgl. Jahresbericht SANW 1998/1999, S. 68). Dies führte nach mehreren vorbereitenden Sitzungen an der Sorbonne in Paris 1993 schliesslich zur Gründung der European Society for the History of Science (ESHS). Bei dieser vertrat ich die SANW/SCNAT auch stets an ihren alle zwei Jahre stattfindenden Konferenzen, gehörte zu den 15 Gründungsmitgliedern der ESHS, bin bis heute deren Schatzmeister und regte unter der Mithilfe des seinerzeitigen Präsidenten Robert Fox die Schaffung des heute mit 20'000 Euro dotierten Gustav Neuenschwander Preises für herausragende Leistungen in der Wissenschaftsgeschichte an. Zur Gründung und Geschichte der ESHS vgl. die Erinnerungen ihrer ersten Präsidenten in Centaurus 66 (2018), S. 104-123.

Unter den weiteren Unternehmungen, die dank der finanziellen Unterstützung der SANW abgeschlossen werden konnten, wäre zunächst die Publikation von zwei Vortragsreihen des Wissenschaftshistorischen Kolloquiums der Universität und ETH Zürich (Wihikoll) zu nennen, die beide beim Birkhäuser Verlag in Basel erschienen: Wissenschaft, Gesellschaft und politische Macht (1993) und Wissenschaft zwischen Qualitas und Quantitas (2003). Im Vorwort dieser beiden Bände habe ich die Geschichte des von 1975 bis etwa 2010 bestehenden Kolloquiums zusammengefasst. Seine Hauptaufgabe bestand in der Organisation von wissenschaftshistorischen Ringvorlesungen der beiden Zürcher Hochschulen, wofür auch ein grosszügiger Kredit der beiden Institutionen zur Einladung von ausländischen Referenten zur Verfügung stand. Die Gründung des Wihikoll geschah auf Initiative von B.L. van der Waerden, der die bei seiner Emeritierung geschaffene Abteilung für Geschichte der Wissenschaften am Mathematischen Institut der Universität Zürich auf eine breitere Basis stellen wollte, und fusste auf einer Zusammenarbeit mit dem Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich (Huldrych M. Koelbing, Heinz Balmer) und den Wissenschaftshistorischen Sammlungen der ETH Zürich. Eingeladen zu den Sitzungen des leitenden Kuratoriums waren sämtliche wissenschaftshistorisch interessierten Dozenten der beiden Zürcher Hochschulen.

Die nächste, noch grössere Aufgabe, die mit der Unterstützung der SANW angegangen werden konnte, war die Bearbeitung der Mathematik und Naturwissenschaften im Historischen Lexikon der Schweiz (HLS). Zunächst sollte ich nur die Fachbereiche Mathematik, Astronomie und Physik übernehmen. Nachdem aber der Berater für die frühe Neuzeit Hans Rudolf Guggisberg 1996 unerwartet verstorben war und Heinz Balmer infolge Ueberarbeitung und Krankheit von seinem Fachgebiet zurücktrat, fühlte ich mich als Präsident des NC IUHPST moralisch verpflichtet, diese für die Schweiz wichtige Aufgabe zu übernehmen, was mich während über 20 Jahren von meinen eigenen Forschungen abzog. Die sachgerechte Bearbeitung der nunmehr weit über tausend, oftmals fehlerhaften Personenartikel war eine gewaltige Aufgabe, die ich allein nicht mehr meistern konnte. Auf Anregung von Marco Jorio wurde deshalb eine Unterstützungs- und Begleitgruppe geschaffen (Marco Jorio HLS, Urs Boschung Medizingeschichte Bern, Rudolf Mumenthaler ETHZ), der es gelang zunächst bei der SANW und später auch beim SNF Forschungskredite zu erhalten, um Mitarbeiter anzustellen (Martin Kurz, Christian Baertschi), die zusammen mit mir mangelhafte Artikel anhand von Archiv- und Quellenstudien nachrecherchiert und korrigiert haben. Für die Bereinigung der Stichwortlisten und die Abfassung der Dachartikel in den einzelnen naturwissenschaftlichen Fachdisziplinen konnte ich glücklicherweise auf die Fachspezialisten aus dem Kuratorium des Wihikoll zurückgreifen, wie z.B. Hans-Jürgen Hansen (Chemie), Rudolf Trümpy (Geologie), Günter Scharf (Physik) und Vinzenz Ziswiler (Zoologie). Ohne diese Unterstützung wäre es mir nicht möglich gewesen, die Bearbeitung der Naturwissenschaften im HLS in der erforderlichen Qualität abzuschliessen (für genauere Angaben hierzu vgl. meinen Artikel in Circumscribere).

An weiteren Aufgaben, die ich zur Wissenschaftsgeschichte in der Schweiz unternommen habe, wäre zunächst die Abfassung des schweizerischen Beitrags zum Sammelband Writing the History of Mathematics: Its Historical Development (2002) von J.W. Dauben und Ch.J. Scriba zu nennen. Zur Vorbereitung dienten mehrerer Workshops am Mathematischen Forschungsinstitut in Oberwolfach, BRD (vgl. Jahresberichte 1991-93). Eine deutschsprachige Vorfassung erschien auch in den Archives Internationales d'Histoire des Sciences. Ein weiteres Projekt beinhaltete die Aufarbeitung der Geschichte der Schweizerischen Mathematischen Gesellschaft zu deren hundertjährigem Jubiläum (Jahresbericht SMG, 2010). Insgesamt bleibt somit festzuhalten, dass trotz der ungenügenden institutionellen Verankerung der Wissenschaftsgeschichte in der Schweiz im Rahmen des NC IUHPST doch Substantielles bewegt werden konnte, wofür ich der SCNAT zu Dank verpflichtet bin.